Cyberangriff – so viel mehr als ein technisches Problem

Blogbeitrag Cyberangriff

Cyberangriff – so viel mehr als ein technisches Problem

Wenn ein Unternehmen von einem Cyberangriff getroffen wird, richtet sich der Blick zunächst auf die Technik: Welche Systeme sind betroffen? Welche Daten wurden gestohlen? Wie bekommen wir den Betrieb wieder zum Laufen?

Doch während Systeme analysiert, Passwörter zurückgesetzt, mit Erpressern verhandelt und Backups eingespielt werden, passiert etwas, das wesentlich weniger sichtbar ist: Menschen geraten an ihre Belastungsgrenzen.

Wir haben bereits viele Unternehmen während Cyberangriffen begleitet. Dabei erleben wir immer wieder Schlafmangel, enormen Stress, Schuldgefühle, Existenzängste oder das Gefühl völliger Ohnmacht. Die psychische Dimension eines Cyberangriffs wird unserer Erfahrung nach noch immer unterschätzt.

Und genau darüber sollten wir sprechen.

In unserer Arbeit begegnen wir dabei immer wieder vier typischen Perspektiven. Sie sind weder abschliessend noch trennscharf, aber sie zeigen, wie unterschiedlich Menschen einen Cyberangriff erleben können.

 

Die «Übermüdete IT»

  • IT-Leitung oder IT-Mitarbeitende
  • Sie schuften seit der ersten Sekunde
  • Hohes Adrenalin
  • Kaum Schlaf
  • Achterbahn der Gefühle: hoffnungsvoll, manchmal pessimistisch
  • Entwickeln teils Schuldgefühle
  • Sind enorm gestresst
  • Die Nerven liegen je länger, je mehr blank
 

Die Gründungsperson oder Führungspersonen, der betroffenen Firma

  • Ist Geschäftsführer:in, Gründer:in, Inhaber:in
  • Spürt grosse Verantwortung den Mitarbeitenden gegenüber
  • Existenzängste
  • Kaum Schlaf
  • Schuldgefühle, Scham
  • Fragt sich: «wie konnten wir nur so naiv sein»
  • Fühlt sich alleine
  • Muss Entscheidungen mit teils wenig Informationen treffen
  • Angst vor Reputationsschaden
 

Die vermeintlich schuldigen Mitarbeitenden

  • Denken, dass durch ihre Unachtsamkeit (schlechtes Passwort, bei Phishing-Mail Logindaten eingegeben, Social Engineering, … ) der Cyberangriff möglich war
  • Haben enorme Schuldgefühle, Scham und Angst
  • Fühlen sich dumm und verunsichert
  • Verlust des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten

 

Die betroffenen Mitarbeitenden

  • Sind verunsichert
  • Nerven sich ab neuen Sicherheitsvorschriften oder aufwändigeren Abläufen
 

Die Symptome

Die Belastung zeigt sich bei jedem Menschen anders. In unserer Arbeit haben wir unter anderem schon folgende Reaktionen erlebt:

Psychisch: Stress, Angst, Schuldgefühle, Scham, Wut, Ohnmacht und Aussichtslosigkeit.

Körperlich: Schlafstörungen, Erschöpfung und Veränderungen des Appetits.

Im Verhalten: ständige Alarmbereitschaft, erhöhte Gereiztheit und grosse Angst davor, weitere Fehler zu machen.

In besonders schweren Fällen können die psychischen Folgen weit darüber hinausgehen. Auch Suizidgedanken wurden in der Forschung zu Ransomware-Betroffenen schon beschrieben.

 

Die Folgen

Je nach Person, je nach Symptomen und je nach Bewältigungsstrategie sind die Folgen der psychischen Belastung durch Cyberangriffe natürlich sehr unterschiedlich. Es gibt Betroffene, die keine Folgen davontragen und dann gibt es Betroffene, die noch länger kämpfen.

Für Führungskräfte bedeutet dies vor allem Feingefühl zu zeigen. Die Betroffenen haben gerade eine starke Belastung und eine sehr herausfordernde Zeit hinter sich. Wer jetzt statt Verständnis, Wertschätzung und Dankbarkeit noch mehr von den Mitarbeitenden fordert, riskiert diese zu verlieren.

 

Hier ein paar Tipps in Bezug zur Psyche bei Cyberangriffen:

  • Ausreichend Erholung für die belasteten Mitarbeitenden (Pausen oder Frei-Tage durchsetzen)
  • Priorisierung der Aufgaben (was ist jetzt wirklich wichtig und was können wir später machen?)
  • Keine Schuldzuweisungen aussprechen
  • Sehr gut prüfen, ob die Person, bei welcher der Angriff erfolgreich war, darüber informiert werden soll. Eine solche Information kann zu sehr starken Schuldgefühlen bis hin zu Suizidgedanken führen.
  • Offene und verständnisvolle Kommunikation
  • Psychologische Unterstützung anbieten
  • Debriefing nach dem Cyberangriffs (nach dem Angriff sollte Raum geschaffen werden, um den Ablauf, offene Fragen und die Erfahrungen der Beteiligten gemeinsam zu reflektieren)

Präventiv:

  • Awareness schaffen
  • IT-Sicherheit priorisieren
  • Rollen und Verantwortlichkeiten klären
  • Krisenorganisation definieren, schulen und üben
  • Offene Fehlerkultur (Just Culture)

Was sagt die Wissenschaft?

Es gibt mehrere Forschungsarbeiten und Whitepaper zum Thema «psychische Folgen eines Cyberangriffs». Die psychischen Belastungen für die betroffenen Mitarbeitenden werden in allen Arbeiten gezeigt. Besonders sichtbar ist die Belastung bei IT-Mitarbeitenden, Incident-Response-Teams und Führungskräften, die während und nach dem Angriff unter hohem Zeit-, Arbeits- und Entscheidungsdruck stehen. Die Forschung zeigt, dass psychische Auswirkungen nicht nur bei den direkt betroffenen Personen auftreten. Auch Mitarbeitende, Stakeholder oder das persönliche Umfeld dieser Personen können betroffen sein. Die Auswirkungen reichen von Stress, Angst und Schuldgefühlen bis hin zu Schlafstörungen, Erschöpfung sowie langfristigen Burnout- oder traumaähnlichen Symptomen.

Folgende Aussagen von Betroffenen haben uns besonders beeindruckt: «… I forgot to drink, eat … one of [my team] was hospitalized for a few days, just through not caring for themselves.» beschreibt eine Person, welche die Massnahmen seiner betroffenen Organisation koordinierte. Eine Führungskraft eines KMUs erzählte: «… I think I came as close to suicide as somebody who would never commit suicide would».

Doch das Problem liegt nicht nur bei der Belastung selbst, sondern auch darin, wie das Unternehmen damit umgeht. So erzählen viele, dass sie keine oder unzureichende psychologische Unterstützung erhielten.

Bemerkenswert ist, dass die Belastung nicht rein psychisch bleibt. Die Studien berichten auch von körperlichen Auswirkungen – von Schlafmangel und Herzrasen bis hin zu stark erhöhtem Blutdruck. In einzelnen Interviews wurden sogar Herzinfarkte im Zusammenhang mit der enormen Belastung während der Incident Response beschrieben.

Quellen:

Mott, Gareth et al. (2024): “There was a bit of PTSD every time I walked through the office door”: Ransomware harms and the factors that influence the victim organization’s experience. Journal of Cybersecurity. DOI: 10.1093/cybsec/tyae013.

Sonnenburg, Arne; Richter, Andreas; Voß, Stefan (2025): IT-Sicherheit in der digitalisierten Arbeitswelt: Herausforderungen, gesetzliche Rahmenbedingungen und Auswirkungen auf den Arbeitsschutz. Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, 79, S. 433–450. DOI: 10.1007/s41449-025-00485-2.

Virtanen, Toni (2024): The Psychological Effects of Continuity Threatening Cyber Incidents. Proceedings of the 23rd European Conference on Cyber Warfare and Security (ECCWS 2024).

Walther, Eileen (2022): After the Crisis Comes the Blow – The Mental Impact of Ransomware Attacks. Northwave B.V.

Ein Cyberangriff endet nicht, wenn die Systeme wieder funktionieren

Zur Cyberresilienz gehört für uns nicht nur ein guter Incident-Response-Plan. Es braucht auch eine Organisation, die weiss, wie sie ihre Menschen durch eine solche Krise führt: mit klaren Verantwortlichkeiten, realistischen Erwartungen, Pausen, offener Kommunikation, einer Kultur ohne vorschnelle Schuldzuweisungen – und professioneller Unterstützung, wenn sie benötigt wird.

Wer sich auf einen Cyberangriff vorbereitet, sollte deshalb nicht nur fragen: Wie bekommen wir unsere Systeme wieder zum Laufen? Sondern auch: Wie sorgen wir dafür, dass unsere Menschen diese Krise gut überstehen?

 

Über die Autorin:

Isabelle Helbling ist seit 2022 Consultant bei der GU Sicherheit & Partner AG. Sie berät Unternehmen präventiv im Aufbau von Krisenorganisationen, entwickelt praxisorientierte Hilfsmittel und konzipiert sowie begleitet Schulungen und Übungen. Zudem ist sie Teil des 7/24-Teams und unterstützt Unternehmen im akuten Krisenfall, insbesondere in der Krisenkommunikation.